Heilige

Michael Chalupka über den Glauben Dietrich Bonhoeffers
Heilige sind in der evangelischen Kirche nicht vorgesehen. Aber es gibt sie. Am Portal der Westminster Abbey in London findet sich die steinerne Figur Dietrich Bonhoeffers, neben Martin Luther King. Beide wurden ermordet, wurden zu Märtyrern und zu Vorbildern des Glaubens.
Am 9. April jährt sich zum 80. Mal die Hinrichtung Dietrich Bonhoeffers im KZ Flössenburg durch die Schergen Hitlers.
In einem Brief aus dem Gefängnis schrieb Bonhoeffer am 21. Juli 1944 selbst über das Heiligwerden: „Ich erinnere mich eines Gesprächs, das ich vor 13 Jahren in Amerika mit einem französischen jungen Pfarrer hatte. Wir hatten uns ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten. Da sagte er: Ich möchte ein Heiliger werden.“ Bonhoeffer widersprach: „Ich möchte glauben lernen. Ich dachte, ich könnte glauben lernen, indem ich selbst so etwas wie ein heiliges Leben zu führen versuchte. Später erfuhr ich und erfahre es bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt.“
Diesseitigkeit bedeutete für Bonhoeffer nicht die banale Diesseitigkeit des Konsums und der Betriebsamkeit, sondern das Menschsein schlechthin, die radikale Liebe, sich dem Unverfügbaren zu stellen, im Wissen um den Tod, in der Hoffnung auf einen liebenden Gott. Bonhoeffer ist ein sehr menschliches Vorbild des Glaubens, auch wenn er als Heiliger in Stein gemeißelt ist.