Richter: Biblische Verheißungen bergen weltverändernde Kraft in sich

Österreichs evangelisch-lutherische Bischöfin predigte bei Deutschem Katholikentag

Würzburg (epdÖ) – Am Freitagnachmittag, 15. Mai, fand beim Deutschen Katholikentag in Würzburg der zentrale ökumenische Gottesdienst der mehrtägigen Großveranstaltung statt. Gestaltet wurde er unter anderem vom deutschen römisch-katholischen Ökumene-Bischof Gerhard Feige, dem Berliner griechisch-orthodoxen Bischof Emmanuel Sfiatkos sowie der österreichischen evangelisch-lutherischen Bischöfin Cornelia Richter. Richter hielt die Predigt und stellte die Kraft biblischer Verheißungen in den Mittelpunkt, die das Potenzial einer weltverändernden Kraft in sich bergten, wie sie sagte.

Die Bischöfin griff in ihrer Predigt das Motto des Gottesdienstes wie auch des Katholikentags auf: „Hab Mut, steh auf.“ Das Leitwort gehört zur biblischen Geschichte des blinden Bartimäus, dem Jesus aufgrund seines Glaubens das Augenlicht schenkte. Für viele Menschen würden solche biblischen Erzählungen oder auch Verheißungen wie eine Provokation klingen, so die Bischöfin. Das Provokante liege im diametralen Gegensatz zu dem, „wie wir unsere Welt täglich erfahren“, so Richter: „Sind unsere biblischen Texte, die Erzählung von Bartimäus ebenso wie die Verheißung des Neuen in der Offenbarung, sind diese unsere biblischen Texte nicht einfach nur provokant, weltfremd, naive Kindergeschichten, bloßes Wunderwunschdenken, eine Vision oder gar bloße Utopie?“

Sich den schwierigen Herausforderungen stellen

Keine Utopie entlaste davon, über die eigene Verantwortung in politisch und wirtschaftlich komplexen Zeiten nachzudenken. Richter: „Wir alle sind Teil globaler Verflechtungen. Und diese muss man analysieren, evaluieren und an die Begebenheiten vor Ort anpassen. Das ist auch in unseren Kirchen so.“ Wer sich etwa in Diakonie oder Caritas engagiere, sei alles andere als naiv, „sondern stellt sich den gesellschaftlichen Herausforderungen“.

Damit man dieses Engagement aber durchhält, brauche es eine „kraftvolle Vorstellung davon, wie es anders sein könnte als es ist“, betonte Richter. Und genau hier kämen die biblischen Texte in den Blick: „In all diesen Texten geht es auf unterschiedliche Weise um Metaphern, Symbole und Sprachbilder, um Narrationen und um Poesie, und in den vielen verschiedenen literarischen Gattungen eben oft auch um Fiktionen, Visionen, prophetische Rede – profan formuliert um die Philosophie oder auch um Leitgedanken.“ In jedem Fall seien es „Worte, mit denen wir mithilfe menschlicher Vorstellungskraft über die vorfindliche, empirisch erfassbare Welt hinaus denken“.

Spannung zwischen Idee und Wirklichkeit

Immer dann, wenn man eine Vision oder eine Utopie vor Augen haben, entwickle sich eine Diskussion, „und zwar eine Diskussion über die Spannung zwischen Idee und Wirklichkeit. Eine Diskussion darüber, wie wir leben wollen, wie unser Gemeinwesen aussehen soll.“ Die Bischöfin erinnerte an die Etablierung der Menschenrechte, die Einführung der Demokratie, das Wahlrecht für alle Menschen, an freien Zugang zu Bildung oder – im Sinne der Geschichte vom blinden Bartimäus – an die Einrichtung einer allgemeinen Kranken- und Sozialversicherung. „All das, was uns heute selbstverständlich erscheint – die Frauenordination in der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich immerhin seit 1980 – hatte zunächst utopische Züge und wurde nach und nach mühsam erkämpft.“

Bischöfin Richter zitierte weiter den Philosophen Ernst Bloch (1885-1977), wonach das Utopische das sei, was noch nicht ist. Es sei das Neue, „das in der Gegenwart schon angelegt ist, aber noch nicht realisiert ist“. Ebenso verwies sie auf den Soziologen Karl Mannheim (1893-1947), nach dessen Worten das Utopische das Potential habe, „die Wirklichkeit von morgen“ zu entwerfen. „Weil sie eine visionäre Kraft entfalten kann, die uns hilft, aufzustehen“, ergänzte Richter. Zugleich schütze diese Kraft vor Fatalismus, der sich mit dem abfinde, was ist. Fazit: Visionen und Utopien seien positive Gegenentwürfe zur Gesellschaft. „Sie führen uns täglich neu vor Augen: Wir haben als Menschen die Freiheit, immer wieder neu anzufangen. Deshalb auf, habt Mut, steht auf und geht einer neuen Zukunft entgegen!“

Katholikentage immer in den geraden Jahren – evangelische Kirchentage in den ungeraden

Der fünftägige 104. Deutsche Katholikentag begann am Mittwoch, 13. Mai. Angeboten werden rund 900 Veranstaltungen, darunter Gottesdienste, Konzerte, Ausstellungen und Diskussionen über aktuelle Fragen aus Kirche und Gesellschaft. Er steht in diesem Jahr unter dem Motto „Hab Mut, steh auf!“ Das Christentreffen findet in der Regel alle zwei Jahre an wechselnden Orten statt, 2028 wird erstmals Paderborn an der Reihe sein. In den ungeraden Jahren gibt es evangelische Kirchentage. Der ökumenische Gottesdienst fand im Dom St. Kilian in Würzburg statt. Veranstalter war die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK).