<h3>Diakonie-Direktorin Moser: „Immense Lücken“ in der Pflegeversorgung</h3>
<p><span id="more-214555"></span></p>
<p>Wien (epdÖ) – Die in der Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt (BAG) zusammengeschlossenen Hilfsorganisationen Diakonie, Caritas, Hilfswerk, Rotes Kreuz und Volkshilfe drängen darauf, bei der laufenden Gesundheitsreform die Pflege und Langzeitpflege „aus dem toten Winkel zu holen“ und „vom Rand ins Zentrum zu rücken“. Pflege und Langzeitpflege seien in Österreich praktisch von der politischen Agenda verschwunden, was zu „teuren Fehlsteuerungen“ führe und Pflegebedürftige wie pflegende Angehörige gleichermaßen allein lasse, erklärten die Spitzenvertreter der BAG-Organisationen bei einer gemeinsamen Pressekonferenz am Donnerstag, 12. Februar, in Wien.</p>
<p>Gesundheits- und Pflegesystem müssten viel stärker verzahnt und „zusammengedacht“ werden, unterstrich etwa die Generalsekretärin der Caritas Österreich, Anna Parr. Bis 2050 werde der Anteil an Menschen über 65 Jahren und damit auch der Anteil an potenziell Pflegebedürftigen um 30 Prozent steigen. Über deren Betreuung und Pflege werde „viel zu wenig geredet“, auch nicht darüber, dass diese Pflege aktuell zu 80 Prozent von Angehörigen übernommen werde. Angesichts des demografischen Wandels werde sich dies stark verändern und das Pflegesystem weiter belasten.</p>
<p>Eine Reform brauche etwa das Finanzierungssystem der Pflege, das „Fehlanreize“ setze, indem die häusliche Pflege unterfinanziert werde und Menschen so genötigt würden, häufiger und nicht selten verfrüht Spitäler und Pflegeheime aufzusuchen. Wenn man die Parole „Mobil vor Stationär“ ernst nehme, so müssen Kosten und Selbstbehalte künftig so abgestimmt sein, dass eine kostendeckende Finanzierung aller Pflegeangebote in den eigenen vier Wänden möglich wird. „Die Reform des Gesundheitssystems steht gerade auf der politischen Agenda. Es gibt ein ‚window of opportunity‘: Rücken wir die Pflege und Langzeitpflege vom Rand ins Zentrum“, so Parrs abschließender Appell.</p>
<p>„Immense Lücken“ in der Pflegeversorgung speziell von Langzeitpflegebedürftigen ortete auch Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser. Besonders in Akutphasen wie etwa einem Spitalaufenthalt, Stürzen und plötzlichen Erkrankungen fehle eine rasche pflegerische Unterstützung. Auch gebe es kaum „nachgehende Präventionsberatung“, also keine Beratung, die Menschen nach Spitalaufenthalten unterstützt, um möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben zu können. Dies werde u.a. durch Umfragen der Diakonie bestätigt, demnach jeder zweite Mensch in Österreich nicht wisse, an wen er sich im Fall von Pflegebedürftigkeit wenden müsse. Zwei Drittel fühlten sich von der Politik nicht ausreichend beachtet. Pflege sei zudem auch insofern ein Politikum, zumal ein unterfinanziertes Pflegesystem mit einem Verlust an Vertrauen in die Politik und in die Zukunft einhergehe – und auch ein „ernstes Demokratieproblem“ darstelle, so Moser abschließend.</p>
<h3>Drei von vier Menschen in Österreich fühlen sich in Fragen der Pflege von der Politik allein gelassen</h3>
<p>Die BAG-Vorsitzende und Hilfswerk-Geschäftsführerin Elisabeth Anselm appellierte an die in der kommenden Woche tagende Pflege-Entwicklungs-Kommission, die gegenwärtigen Parallelsysteme von Gesundheit und Pflege einer genauen Analyse zu unterziehen, um „daraus Schlüsse zu ziehen und konkrete Lösungen auf den Tisch zu legen“. Die Organisationen der BAG, die zusammen einen Großteil der Pflegedienste in Österreich betreiben, seien „müde und es leid, dass Bund und Länder sich bei dem Thema ständig die Verantwortung gegenseitig zuschieben und sich aufeinander ausreden. Das ist nicht mehr zu ertragen“, so Anselm.</p>
<p>Volkshilfe-Direktor Erich Fenninger verwies ebenso wie Moser auf Erhebungen aus dem „Volkshilfe-Barometer“, demnach sich drei von vier Menschen in Österreich in Fragen der Pflege von der Politik allein gelassen fühlten. Nahezu 90 Prozent hielten die bisherigen politischen Maßnahmen für die Unterstützung pflegender Angehöriger für unzureichend. Dies führe in Kombination mit steigendem familiären Budgetdruck viel zu häufig dazu, dass Pflegebedürftige in ein Heim wechselten – die denkbar schlechteste, weil teuerste Form der Pflege: „Pflege zuhause darf kein Luxus sein“, forderte Fenninger.</p>
<p>Vor dem „Drehtüreffekt“ und den damit verbundenen hohen finanziellen Kosten für die öffentliche Hand warnte auch der Bundesrettungskommandant des Roten Kreuzes, Gerry Foitik. Durch fehlende Betreuung und Beratung nach Spitalaufenthalten, eine unzureichende häusliche Pflegeversorgung und damit auch fehlende professionelle häusliche Nachsorge würden immer mehr Menschen die Spitäler nach kurzer Zeit und häufig in schlechterem Zustand als zuvor wieder betreten. Hier könnte sich die öffentliche Hand viel Geld ersparen, zeigte Foitik auf, wenn die häusliche Betreuung professionalisiert und besser finanziert werde.</p>