Die Sommer-„SAAT“ präsentiert Feiern an besonderen Orten
Wien (epdÖ) – Wer glaubt, dass Gottesdienste nur in Kirchen stattfinden, irrt. Es gibt sie auch an vielen anderen Orten. Denn es sind nicht die Gebäude, die eine geistliche Feier zu einem Gottesdienst machen – es sind die Menschen. Darum können evangelische Gottesdienste prinzipiell überall gefeiert werden, speziell jetzt im Sommer natürlich auch im Freien. Was ist das Besondere an ihnen? Aus der Fülle an Angeboten hat die Sommer-Ausgabe der evangelischen Kirchenzeitung „SAAT“ einige Beispiele ausgewählt.
Am Ufer vom Brennsee
„Wir sind hier in der schönsten Kathedrale der Welt – in Gottes freier Natur“, sagt Pfarrer Michael Guttner aus Feld am See in Kärnten. Und in dieser „Kathedrale“, am Ufer des Brennsees, feiert die Gemeinde seit Jahrzehnten jedes Jahr im Juli zum Auftakt der populären „Fischwoche“ den Gottesdienst „Abendlob am See“. Dieser orientiert sich nicht an der klassischen Liturgie, beinhaltet dennoch Psalmen, Gebete, Predigt und Lieder. Für die Musik sorgt die Trachtenkapelle Feld am See. So gut wie immer wird dabei das bekannte Lied „Geh aus mein Herz …“ gesungen, denn „das gehört einfach dazu“, so Guttner.
Besucht wird dieser Open Air-Gottesdienst von Gemeindegliedern genauso wie von Touristen – und die kommen nicht nur zu Fuß. „Während des Gottesdienstes rudern oft Menschen mit Booten heran, um mitzufeiern“, erzählt der Ortspfarrer. Dass die Leute bei diesen Gottesdiensten besonders berührt sind, liegt für ihn auch an der Stille des Sees, „die diese eigentümliche Stimmung verbreitet“.
Guttner, für viele Menschen eine „Pfarrer-Institution“ hier im Kärntner Gegendtal, zelebriert am Brennsee auch oft Hochzeiten oder Taufen, „bei denen der Taufpate das Wasser in der Taufschale aus dem See holt“, schildert er ein fast biblisches Bild. Übrigens: Bei der Kurpredigertragung in Feld am See letzten Sommer stieß die Abendandacht am Brennsee auf derartige Begeisterung, dass es dort heuer erstmals auch im August Abendgottesdienste geben wird.
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Für Schausteller im Autodrom

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Schausteller-Gottesdienste mit Pfarrer Schumann (3.v.r.), wie hier auf der Klagenfurter Herbstmesse, werden meist im Autodrom gefeiert. (Foto: privat)
„Oft bin ich der Einzige, der Schausteller regelmäßig begleitet – verlässlich, über Jahre hinweg“, erzählt Pfarrer in Ruhe Stefan Schumann. Seit 1991 hat er eine Beauftragung der Evangelischen Kirche für die Circus- und Schaustellerseelsorge. „Für viele bin ich nicht nur Seelsorger, sondern ein vertrautes Gesicht, oft ein Teil ihrer Gemeinschaft.“ Schausteller sind im Wiener „Wurstelprater“ und auf Volksfesten mit ihren Vergnügungsparks zuhause. „Von Wien bis Bregenz, von Graz bis Linz folge ich ihren Routen und bin ein Stück mit ‚auf der Reise‘, kenne ihre Plätze, ihre Sorgen und ihre Geschichten“, erzählt Schumann.
Etwa 15 Gottesdienste im Jahr in ganz Österreich feiert er für die Schausteller, meistens zwischen April und November. Veranstaltet von den Ausrichtern des Marktes sind sie ökumenisch – auch wenn Schumann manchmal der einzige Pfarrer ist – und werden, bis auf zwei im Schweizerhaus im Prater, im Autodrom gefeiert. „Der Biertisch wird zum Altar“, schildert Schumann das Ambiente. So wird das Autodrom zur Kirche, ein Gastraum im Schweizerhaus zur Kapelle. „Wenn ich komme, zieht mit mir die Kirche ein“. Die Gottesdienste sind schlicht, vertraut „und genau deshalb so wertvoll“, ist Schumann überzeugt. „Denn wer den ganzen Tag Lärm und Tempo erlebt, sucht nicht das Spektakel, sondern einen Moment des Innehaltens und der Ruhe.“ Gottesdienste also als Oase der Ruhe im Trubel des Schausteller-Alltagsgeschäftes.
Woodstock der Blasmusik
Keineswegs ruhig geht es beim jährlichen Musikfestival „Woodstock der Blasmusik“ in Ort im Innkreis zu. Seit einigen Jahren gibt es am Festival-Sonntag (heuer war es der 5. Juli) auf der großen Bühne einen ökumenischen Festgottesdienst, initiiert von den Veranstaltern. Eine der beteiligten Personen ist die Festivalseelsorgerin Sarah Fleischhauer. Was diesen Gottesdienst von anderen unterscheidet sind für sie die vielen Instrumente, die Lautstärke – und die rund 500 Mitfeiernden auf Bierbänken direkt vor der Bühne sowie tausende mehr, die am riesigen Festivalgelände mitfeiern. Dass dieser Gottesdienst in ein mehrtägiges, fröhliches Festival eingebunden ist, gibt ihm zudem eine besondere Dynamik und viele Möglichkeiten zur Begegnung. Und der Gottesdienst von der „Main Stage“, also der Hauptbühne des Festivals, wird jedes Jahr live übertragen im Fernsehen und im Radio.
Miteinander Beten, Singen, Essen und Trinken am Berg
Leger, unkompliziert und viel frische Luft: So könnte man Berggottesdienste beschreiben. Sie werden in Österreich im Sommer – im wahrsten Sinne des Wortes „naturgemäß“ – vielerorts angeboten. Nicht weniger als fünf jeden Sommer bietet der Pfarrgemeindeverband „Evangelische Kirche im Pinzgau“ (mit den Kirchen Zell am See und Saalfelden) am Hintersee und auf der Schmittenhöhe an. „Es erfüllt mich mit ungeheurer Dankbarkeit, in einer solchen Region mit all ihren Naturschönheiten leben und arbeiten zu dürfen“, sagt Ortspfarrerin Rahel Hahn. Es liege daher auf der Hand, „diese Dankbarkeit in all ihren Facetten Gott gegenüber zum Ausdruck zu bringen“. Außerdem sind die Berge genau die Orte, „wo wir zu ganz unterschiedlichen Menschen, Einheimischen wie Tourist:innen, Zugang finden“, so Hahn.
Schon das erste Zusammentreffen vor der Fahrt mit der Schmitten-Bahn oder am Parkplatz Richtung Hintersee ermögliche Gespräche mit den Gästen bzw. sei ein erstes Einstimmen auf das gemeinsame Feiern, schildert die Pfarrerin die besondere Gemeinschaft. Der Gottesdienst selbst läuft schlicht ab. „Wir haben keinen Altar. Der Aufwand ist also entsprechend gering, da wir nur ein paar Liedblätter, ein Instrument und eine Stola mitbringen müssen“, so Hahn. Wesentlich ist auch das Zusammensein danach: „Miteinander Feiern, Beten, Singen, Lachen, Essen, Trinken. Und das ist ja auch genau das, was Jesus mit den Seinen praktizierte: Gottgeschenkte Lebensfreude mit allen Sinnen!“
Im Strandkorb an der Nordsee

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Als Kurprediger hält Pfarrer Michael Wolf aus Wien Andachten und Gottesdienste an der Nordsee. (Foto: H. Wolf)
Von Berggipfeln nun ein weiter Sprung an die Nordsee, auf die Inseln Juist und Langeoog. Dort am Strand, an der Waterkant, feiert im Sommer seit über 30 Jahren Pfarrer Michael Wolf aus Wien als Kurprediger Gottesdienste und Andachten. „Das Besondere: Es ist mitten in der Natur, die Elemente sind spürbar, das Meer und die Natur spielen mit, man kann die Schöpfung spüren“, erzählt er gegenüber der SAAT. Nachsatz: „Mit allem Schönen – aber durchaus auch mit Bedrohlichem wie Sturm oder Regen.“
Montags, mittwochs und freitags um 9 Uhr bietet Wolf Andachten am Strand an – in einem Strandkorb mit der Aufschrift „Kirche“. Selbst bei extremem Wind und Regen kommen jedes Mal ungefähr zehn Menschen für etwa 20 Minuten zusammen. Wolf verzichtet auf eine fixe Liturgie, nicht aber auf Gebete, Tageslosung, Auslegung, Singen. Er erlebt, dass sich die Menschen in ihrem Urlaub „mit Fragen der Spiritualität“ auseinandersetzen.
Wesentlich größer ist der jährliche ökumenische Gottesdienst mit den Seenotrettern. „Einmal im Jahr stellen sie ihre Arbeit vor, und dieser Tag beginnt mit einem Gottesdienst“, berichtet Wolf. Hier geht es einerseits um den Dank an die Menschen, die andere aus der See retten. Andererseits wird dabei auch den Opfern der See gedacht. Diesen Gottesdienst feiert Wolf am Landungssteg der Seenotretter auf Langeoog, mit Posaunenchor, Predigt und vielen Besuchern. „Es geht darum: Seid vorsichtig und fordert nichts heraus im Umgang mit dem Meer“, so der Kurprediger aus Österreich.
Gedenken an den Geheimprotestantismus
Vorsichtig mussten im 17. und 18. Jahrhundert auch evangelische Christen in Österreich sein – aber aus einem ganz anderen Grund: In den Jahrzehnten der Gegenreformation konnten sie ihren Glauben nur im Verborgenen leben. Ihnen zum Gedenken – und aus Dankbarkeit für die Religionsfreiheit heute – versammeln sich jedes Jahr am 15. August vor der Seekarhöhle in der Nähe von Gosau rund 100 Personen zum Seekargottesdienst. Veranstaltet von der evangelischen Pfarrgemeinde Gosau zusammen mit dem Tourismusverband erinnert er an die österreichische Religionsgeschichte. „Genau hier wurden während des Geheimprotestantismus evangelische Gottesdienste gefeiert“, weiß Ortspfarrerin Esther Eder. Wie wichtig dieser Ort für die Identität und Glaubenswurzeln der Evangelischen im Salzkammergut ist, zeigt sich daran, dass sich dieser Gottesdienst im Sommer seit Jahrzehnten etabliert hat. Musikalisch begleitet wird er von einer Bläsergruppe der Gosauer Trachtenmusikkapelle.
Etwa die Hälfte der Gottesdienstbesucher:innen sind Evangelische aus Gosau und dem Salzkammergut, ein Drittel der Feiernden sind Touristen. Vom Ort Gosau sind es etwa zwei Stunden zu Fuß, aber „es besteht auch die Möglichkeit, den Großteil des Weges mittels eines Shuttle-Dienstes zu fahren“, weist Eder darauf hin, dass jeder Interessierte zur Seekarhöhle kommen kann. Bei diesen Gottesdiensten ist es ihr wichtig, „eine Brücke zu schlagen zwischen den Feiernden im Geheimen damals und unserer heutigen Glaubenswelt und unserem Alltag“. Auf den Punkt gebracht: „Wir sind eingeladen, uns in manchen Bereichen vom Glauben unserer Vorfahren eine Scheibe abzuschneiden.“
Den Gottesdienst selbst feiert die Gemeinde vor der Seekarhöhle. Kinder genauso wie Erwachsene sind im Anschluss eingeladen, in den Berg hineinzugehen. Ausgestattet mit Kerzen und Lampen kann man dann erspüren, wie Evangelische hier einst im Verborgenen Gottesdienste abhielten – an einem ganz besonderen Ort.
„Ganz anderes Setting“
Gottesdienste abseits von Kirchengebäuden haben ein spezielles Flair. Sie bieten langjährigen Gemeindemitgliedern die Möglichkeit, Gott anders und neu zu erleben. Viele kirchenferne Menschen wiederum tun sich leichter, diese Angebote zu besuchen. „Ich schätze bei Berg-Gottesdiensten einfach den Wert des Niederschwelligen“, betont Rahel Hahn. „Wenn die Frau Pfarrer, die sonst in Talar bzw. Albe im Kirchenraum steht, am Berg in der Wanderkluft neben dir auf der Zirbenholzbank sitzt, dann ist das ein ganz anderes Setting.“ Gottesdienste im Freien bergen zudem die Chance zu einem intensiven Erlebnis, wie Michael Wolf ergänzt: „Es ist schon etwas Besonderes, wenn man einen Schöpfungspsalm liest und betet und angesichts des Wassers und Meeres selbst erlebt, was der Psalmbeter erlebt hat. Das ist viel spürbarer als in einem Kirchenraum.“
Feiert Ihre Pfarrgemeinde auch Gottesdienste an besonderen Orten? Haben Sie schon mal einen Gottesdienst abseits einer Kirche erlebt, der besonders eindrucksvoll für Sie war?
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