Maria Katharina Moser über Verlust und Hoffnung in der Karwoche
„Es ist einfach nicht richtig. Ich hätte zuerst gehen müssen“, sagt Ruth. Ruth ist 89 Jahre alt. Ihr Mann ist jung gestorben. Vor 18 Jahren verlor sie ihre Tochter an den Krebs. Vor vier Jahren hatte ihr Sohn einen Herzinfarkt. „Der Verlust schmerzt. Immer noch. Manche sagen: Es ist doch schon lange her. Andere sagen: Sei doch dankbar, du hattest viele wunderbare Jahre mit einer wunderbaren Familie“, erzählt Ruth. „Ich lebe im Schatten.“
Der Schmerz und die Frage „Heilt es nie?“ – sie verbinden Mütter und Väter, die ein Kind verloren haben.
Da ist Lisa, deren Baby 66 Tage nach der Geburt gestorben ist. Wie Lisa müssen jedes Jahr rund 200 Eltern in Österreich diese Verlusterfahrung machen und können ihr Kind nicht aufwachsen sehen. Da ist Anna, deren Sohn nach langem Kampf gegen den Krebs in ihren Armen gestorben ist. 45 Kinder und Jugendliche überleben ihre Krebserkrankung nicht. Da ist Gabriele, deren Sohn von einem Zug erfasst wurde. Jährlich verunfallen um die 15 Kinder zwischen 0 und 14 Jahren tödlich, und ihre Eltern müssen begreifen, dass ihr Kind von einer Minute auf die andere plötzlich nicht mehr da ist. Da sind die Mütter, die – wie Ruth – ihr erwachsenes Kind verlieren, manchmal sogar mehrere Kinder. Ihre Zahl kennen wir nicht, und es wird wenig Notiz davon genommen, handelt es sich doch um Erwachsene und um ganz normale Todesursachen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Bei Hausbesuchen bin ich immer wieder erschrocken, wie viele (hoch)betagte Frauen ihre Kinder überleben.
Die Erfahrungen von Müttern, die ein Kind verlieren, sind unterschiedlich. Und auch ihr Umgang mit dem Verlust. Wovon viele berichten, sind Unbehagen und Überforderung anderer, die ihnen als Schweigen entgegen dröhnen. Nicken und das Thema wechseln. Lächeln und weitermachen. Bekannte, die den Kontakt abbrechen, Freunde, die sich zurückziehen. Die Aufforderung: Zurück zur Normalität. Das wird schon wieder!
Die Bibel schweigt nicht. Die Karwoche, die vor uns liegt und in der Christen und Christinnen des Leidens und Sterbens Jesu gedenken, erzählt auch davon, dass eine Mutter ihren Sohn verliert. Die christliche Ikonographie hat diese Erfahrung aufgenommen in der Darstellung Marias, die den vom Kreuz abgenommen Leichnam Jesu auf ihrem Schoß hält. Keine anderen Menschen um sie herum, die auch weinen oder Maria tröstend zur Seite stehen. Die Konzentration liegt ganz auf der Trauer der Mutter. Die Welt ist zusammengeschrumpft auf den Schmerz des Verlustes. Eltern, die ein Kind verloren haben, fühlen sich oft von der Welt abgeschnitten, isoliert, sind untröstlich.
Die Untröstlichkeit will aufgehoben sein in Beziehungen. Als Jesus seine Mutter und den Jünger Johannes unter dem Kreuz stehen sieht, sagt er: „Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ Hier will nicht einfach ein Sohn seine Mutter versorgt wissen, wenn er nicht mehr ist. Der Jünger Johannes, der Maria zu sich nimmt, steht für die Gemeinschaft der Jünger. Für Kirche als Hoffnungsraum. Für Menschen, die den Verlust wahr- und ernst nehmen, die bleiben, die Verzweiflung und Hilflosigkeit mit den Trauernden aushalten, um ermutigende Worte ringen oder empathisch schweigen, in den Arm nehmen.
In diesem Hoffnungsraum verschwindet die Trauer nicht. Aber sie kann erträglicher werden. Der Schmerz muss nicht verschwiegen werden, die Untröstlichkeit darf sein. So einen Raum wünsche ich Ruth in der Karwoche und alle Tage.