Bischöfin im Interview mit den „Oberösterreichischen Nachrichten“ über Mehrwert eines freien Karfreitags
Linz (epdÖ) – Bischöfin Cornelia Richter fordert, den Karfreitag als Feiertag wieder einzuführen. Dies sei “essenziell” für die Evangelische Kirche. „Egal, in welche Gemeinde ich komme – und ich reise sehr viel -, lautet die erste Frage: Was ist mit dem Karfreitag? Wir brauchen den, wir wollen den wieder haben, er ist so wichtig für uns“, hielt sie im Interview mit den „Oberösterreichischen Nachrichten“ vom 2. April fest. Wenn politische Parteien sogar anfingen, das Kreuz wieder aufzuhängen, dann müsse man fragen: „Wissen sie, was sie aufhängen? Es gibt genau einen Feiertag, der für dieses Kreuz steht, das ist der Karfreitag.“ Dies sei ein Tag, „von dem wir als Evangelische nicht lassen können. Es brodelt in den Gemeinden“, so die Bischöfin.
Darauf angesprochen, dass die politische Diskussion eher in die Richtung gehe, weitere Feiertage zu hinterfragen, meinte Richter: „Genau, aber da würde ich sagen, das muss man mal durchrechnen.“ Studien würden belegen, dass es gesamtgesellschaftlich zunehmend Erschöpfung gibt, „dass Menschen ins Burnout gehen, dass Menschen öfter krank sind und lange Krankenstände haben“. Die Gesellschaft sei ziemlich am Rand ihrer Kräfte. Insofern frage sie sich, so Richter: „Was ist teurer: Feiertage zu halten oder die Menschen mit ihrer Überlastung alleinzulassen?“ Sie betreibe seit vielen Jahren Resilienzforschung und ist überzeugt: „Feiertage zu halten ist billiger.“
Seit 2019 ist der Karfreitag in Österreich für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen mit evangelischer, methodistischer und altkatholischer Religionszugehörigkeit kein offizieller Feiertag mehr sondern ein „persönlicher Feiertag“, der allerdings aus dem eigenen Urlaubskontingent beantragt werden muss.
Latein-, Ethik- und Religionsunterricht
Darüber hinaus hob Richter im Interview auch die Bedeutung des Lateinunterrichts ebenso wie jene des Religionsunterrichts hervor. Mit Latein lerne man zwei Dinge: Zum einen sei es „eine unglaublich gute Basis für alles, was Grammatik ist, und für das Erlernen weiterer Sprachen“. Zum zweiten würden auch die Grundlagen der europäischen Kultur gelernt. „Latein ist eine wunderbare Grundlage, um die Wurzeln zu verstehen, aus denen heraus diese europäische Kultur maßgeblich mitgewachsen ist“, betonte Richter.
Die Bischöfin unterstrich, dass sie den Ethikunterricht sehr schätze, dennoch sei der Religionsunterricht „unverzichtbar, weil er etwas anderes leistet“. Werte müssten zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft neu ausgehandelt werden. Wertebildung sei immer an demokratische Diskussion gebunden. „Im Ethikunterricht kann ich über Medizinethik reden oder darüber, wie eine verantwortliche Wirtschaft geführt werden soll. Was es bedeutet, sich in der Sozialpolitik oder der Flüchtlingspolitik einzusetzen und warum man das tut“, erklärte Richter. Es gehe allgemein um Werte der Humanität. Das sei sinnvoll. Der entscheidende Punkt sei aber, „dass ein Ethikunterricht auch Bereiche kennt, wo er sehr allgemein bleiben muss und nicht in Betracht nehmen kann, was es bedeutet, wenn Menschen durch Traditionen, etwa religiöse, geprägt sind“, bekräftigte die Bischöfin.
Wenn man nur Ethik unterrichten würde und es keinen Religionsunterricht gäbe, dann würde man nicht verstehen, warum Menschen bei bestimmten Debatten um Werte oder ethische Entscheidungen nicht mitgehen können – oder im Gegenteil besonders innovativ sind. „Denken Sie an die Debatte um den Suizid, um die Sterbebegleitung, um die Abtreibung und natürlich die Kriegsszenarien, die wir in der ganzen Welt erleben“, erinnerte Richter. Der Religionsunterricht mache verständlich, „wie man in der kulturellen Vielfalt, die es überall auf der Welt gibt und auch in Österreich inzwischen gibt, friedlich einander achtend und auf Verständigung orientiert miteinander umgehen kann“. Dafür könnten Religionen ein wirkliches Vorbild sein. Zudem sei der Religionsunterricht „ein Mittel gegen den Fundamentalismus“, unterstrich die Bischöfin.